Filmkritik zu WARUM FRAUEN BERGE BESTEIGEN SOLLTEN

Auszug aus der Filmkritik VIVA-BERLIN.de im Januar 2017 – Beitrag vom 20.11.2016

WARUM FRAUEN BERGE BESTEIGEN SOLLTEN
Eine Reise durch das Leben und Werk von Dr. Gerda Lerner.
Regie: Renata Keller.
Dramaturgie: Suzanne Pradel.
Auf DVD bei absolut Medien
von Helga Egetenmeier

AVIVA-Tipp: Humorvoll und politisch, ihre theoretischen Vorstellungen nicht von den praktischen trennend und dennoch sprühend wie auch bescheiden im Auftreten, so zeigt der Film die Feministin Gerda Lerner. Damit gelingt, was der 2013 gestorbenen Historikerin immer wichtig war, den von seiner persönlichen Geschichte geprägten Menschen zu zeigen, welche auch immer eine politische Geschichte ist.

Im Alter von 92 Jahren stimmte die 1920 als Gerda Hedwig Kronstein geborene Historikerin Gerda Lerner doch noch zu, einen Dokumentarfilm über sich drehen zu lassen. Sichtbar wird darin eine kraftvolle Persönlichkeit, die als politisch wirkende Frau…
…schreibend und engagiert den feministischen Diskurs prägte.

Ihr ganzes Leben umspannend, greift die Regisseurin besonders die schweren Zeiten auf, von denen die Historikerin und ihre Arbeiten beeinflusst waren.

„Ich will mein Leben nicht in Verheimlichung meines Werdegangs beenden.“, schreibt Gerda Lerner im Vorwort ihrer 2002 auf Deutsch erschienenen Autobiografie „Feuerkraut. Eine politische Biografie“ (Fireweed. A Political Autobiography). Letztendlich scheint dieser Gedanke ausschlaggebend gewesen zu sein, dem Gesuch von Renata Keller nachzugeben. Ein Gewinn, für die sich verstärkt visuell vermittelnde Geschichtsschreibung, diese durch viele Wendungen in ihrem Leben geprägte feministische Historikerin als Zeitzeugin auf der Leinwand bewahrt zu sehen.

Die Lebensgeschichte der 1920 in eine wohlhabende jüdische Wiener Familie hineingeborene Gerda Hedwig Kronstein beginnt mit der für diese Zeit unüblichen freiheitlichen Lebensweise ihrer Eltern und ist schon früh durch die Verfolgung durch die Nationalsozialisten geprägt. Nachdem Gerda und ihre Mutter von den Nazis mehrere Wochen in Haft genommen wird, gelingt die Flucht. Mit ihrer Mutter und jüngeren Schwester Nora emigriert Gerda 1938 zuerst nach Liechtenstein, wohin der Vater schon zuvor geflüchtet war. Kurz darauf trennen sich ihre Wege jedoch endgültig. Nora geht in die Schweiz, überlebt, und arbeitet ab 1962 als Künstlerin in Israel. Ihre Mutter Ilona (Ili) Kronstein, geborene Neumann flieht nach Südfrankreich, wird mit Tausenden anderen jüdischen Flüchtlingen, darunter Charlotte Salomon und Hannah Arendt, in Gurs interniert. Sie starb 1948 im Alter von 51 Jahren.

Gerda Kronstein kann sich 1939 nach New York retten und heiratet, um vom Schiff an Land gehen zu dürfen. Als die Ehe kurz darauf geschieden wird, kämpft sie sich zuerst mit kleinen Jobs durchs Leben. Bis sie 1958 ihr erstes Studium an der New Yorker New School for Social Research beginnt, durchlebt sie mit ihrem zweiten Mann, dem Filmemacher Carl Lerner, die sie wieder in die Armut treibende Kommunistenverfolgung der McCarthy-Ära. Sie engagiert sich in der Frauenbewegung, der Friedensbewegung und der Gewerkschaft, und bekommt zwei Kinder.

Die Regisseurin lässt ihren Film im Heute der 92-jährigen Gerda Lerner beginnen, in deren Wohnzimmer in Madison. Durch ihre Fragen führt sie die Historikerin zurück in deren Kindheit und Jugend. Stringent bei der chronologischen Erzählung von Lerners Lebenswegs bleibend, begleitet und ergänzt sie deren Antworten durch historisches Film- und Bildmaterial, Interviews mit ihrer Schwester Nora und mit Freundinnen und Kolleginnen. Somit baut Renata Keller Stück für Stück an dem vieldimensionalen Bild dieser leidenschaftlichen feministischen Historikerin und ihrer Auseinandersetzung mit dem Patriarchat als Gesellschaftsstruktur, deren Regel Nummer 1 lautet: niemand hat den Frauen etwas gegeben, sie mussten sich alles erkämpfen.

1963 gab Gerda Lerner an der New York University den weltweit ersten offiziellen Kurs zur Frauengeschichtsschreibung. Neben ihrer umfassenden und wegweisenden Quellensammlung „Black Women in White America: A Documentary History“ von 1967, zählen zu ihren wichtigsten Büchern ihre 1986 veröffentlichte Abhandlung „Die Entstehung des Patriarchats“ und „Die Entstehung des feministischen Bewusstseins“ von 1993.

Trotzdem die Regisseurin viele Details aus Gerda Lerners Leben zusammen trägt, wirkt der Film nie überladen. Auch lässt sie die emotionalen Momente stehen, in denen die Historikerin zögernd, und dabei mutig ihre Zerbrechlichkeit unterdrückend, auf die Nachfragen zu ihrer Kindheit und Jugend antwortet. Auf akademischem Terrain fühlt Gerda Lerner sich jedoch sichtlich wohler und verweist scherzhaft auf die Roben ihrer achtzehn Ehrendoktortitel, aus denen sie etwas Nützliches machte: einen bunten Wandbehang für ihr Wohnzimmer.

So gut ausgewählt die im Bonusmaterial enthaltenen Interviews auch sind, wie die humorvolle Erzählung von Bonnie Johnson, Professorin der Geschichte, die mit Gerda Lerner in Österreich Urlaub machte, wäre an dieser Stelle ein Interview mit ihrer Schwester, der Künstlerin und Textildesignerin Nora Rosen-Kronstein zur weiteren Familiengeschichte noch sehr interessant gewesen.

Originalartikel in voller Länge: http://aviva-berlin.de/aviva/content_Kultur_DVDs.php?id=1419335

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